Was ist im BEM der häufigste Fehler bei Zwangserkrankungen?
Entlastung ohne Klärung reicht nicht.
Der häufigste Fehler ist eine zu grobe Maßnahme wie „weniger Stress“ oder „mehr Verständnis im Team“. Das klingt hilfreich, führt aber im Finanzwesen oft nicht weiter. Wenn nicht klar ist, ob der Auslöser in Fristdruck, Kontrollschleifen, Unterbrechungen, unklaren Freigaben oder Entscheidungszwang liegt, bleibt die Maßnahme zu unscharf. Dann verlängert sich die Durchlaufzeit des BEM, der Rückstau wächst weiter und der nächste BEM-Termin produziert erneut nur Lagebeschreibungen.
Ein zweiter Fehler ist die Verwechslung von hoher Gewissenhaftigkeit mit tragfähiger Arbeitsfähigkeit. Beschäftigte im Controlling können fachlich stark sein und gleichzeitig an bestimmten Punkten nicht mehr steuerungsfähig arbeiten. Im BEM muss deshalb nicht nur auf Qualität, sondern auch auf Abschlussfähigkeit geschaut werden. Die entscheidende Frage lautet: Wo endet sachgerechte Kontrolle, und wo beginnt ein Muster, das Arbeit blockiert, verzögert oder Entscheidungen unmöglich macht?
Wie sollte das BEM-Gespräch in solchen Fällen geführt werden?
Datensparsam, klar und ohne Deutung.
Ein gutes BEM-Gespräch bei Zwangserkrankungen vermeidet zwei Extreme: Es bleibt weder vage noch wird es therapeutisch. Sinnvoll sind konkrete, arbeitsbezogene Fragen. Zum Beispiel: Bei welchen Aufgaben kommt es zu Verzögerungen? Welche Situationen erhöhen den inneren Druck? Wo entstehen Wiederholungen oder Blockaden? Welche Form von Unterbrechung verschlechtert die Bearbeitung? Welche Arbeitsbedingungen würden die Situation voraussichtlich stabilisieren? So bleibt das Gespräch datensparsam und zugleich steuerungsfähig. Das entspricht auch dem gesetzlichen BEM-Zweck, der nicht Diagnoseaufklärung, sondern Klärung von Möglichkeiten zur Überwindung und Vorbeugung von Arbeitsunfähigkeit verlangt.
Im Ergebnis sollte das Gespräch nicht mit allgemeinen Absichtserklärungen enden. Es braucht einen Entscheidungspunkt, einen festen Folgetermin und klare Zuständigkeiten. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist das wichtig, weil lange offene Verfahren Unsicherheit erzeugen und in der Praxis oft in einen Rückstau ohne Abschluss führen. Die BAuA ordnet BEM ausdrücklich in den betrieblichen Umgang mit psychischen Erkrankungen ein und betont die Bedeutung vernetzter Präventionsarbeit.
Warum ist Nachsteuerung im BEM bei Zwangserkrankungen so wichtig?
Erst der Folgetermin macht BEM-Maßnahmen belastbar.
Bei Zwangserkrankungen sind Maßnahmen oft nur dann wirksam, wenn sie eng überprüft und nachgesteuert werden. Das liegt nicht nur an möglichen Schwankungen der Symptomatik. Schon die S3 Leitlinie beschreibt den Verlauf häufig als chronisch mit teils erheblicher Fluktuation. Wer im BEM nur einmal entlastet und dann abwartet, riskiert, dass sich alte Muster unter neuem Druck wieder aufbauen. Ein fester Folgetermin ist deshalb kein Formalismus, sondern ein Qualitätsmerkmal.
Nachsteuerung bedeutet hier: Was wurde vereinbart? Welche Wirkung zeigt sich in der Tätigkeit? Wo bleibt der Rückstau bestehen? Welche Maßnahme war zu ungenau? Was muss enger gefasst werden? Genau diese Verbindlichkeit unterscheidet ein tragfähiges BEM-Verfahren von einem freundlichen, aber folgenlosen Gespräch. Für HR, BEM-Beauftragte und HR Business Partner ist das im Alltag oft der entscheidende Unterschied.
Wann ist ein BEM-Online-Seminar zu diesem Thema sinnvoll?
Wenn im Fall die Formulierungssicherheit fehlt.
Viele Teams kennen das Problem: Das BEM-Gespräch verläuft ruhig, aber am Ende bleibt offen, was eigentlich der arbeitsbezogene Auslöser war. Oder die Maßnahme klingt vernünftig, trägt aber im nächsten Termin nicht. Genau dort liegt der Nutzen vertiefender Qualifizierung. Nicht mehr Grundwissen im Allgemeinen, sondern mehr Sicherheit im schwierigen Fall: Gesprächsführung, Entscheidungspunkt, Maßnahmeformulierung, fester Folgetermin und Nachsteuerung. Das ist auch der Punkt, an dem BEM-Online-Seminare, BEM-Beratung oder die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen BEM-Berater für HR und BEM Teams praktisch relevant werden können.
Über den Verfasser des BEM-Blogbeitrags
Manfred Baumert, Betriebswirt, Pädagoge und MBA, arbeitet an der Schnittstelle von BEM, Gesprächsführung und betrieblicher Steuerung. Er ist ausgebildet in personenzentrierter Gesprächsführung nach C. R. Rogers, war in der Krisenintervention tätig und verfügt über langjährige Beratungserfahrung. Im Fokus stehen auch BEM-Fälle, in denen psychische Erkrankungen die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen, Belastungsauslöser unklar bleiben und Maßnahmen deshalb nicht greifen bzw. ziu Folge-BEM mangels Nachhaltigkeit führen. Ziel ist nicht mehr Theorie, sondern ein klarer Entscheidungspunkt, passende Maßnahmen, ein fester Folgetermin zur Nachsteuerung und ein sauberer Abschluss. BAG-orientiert, datensparsam, risikominimierend.